Rezension – Blut gegen Blut (Benjamin Spang)

Hallo, liebe Leser und willkommen zu meiner Rezension von „Blut gegen Blut“ von Benjamin Spang. Neugierig geworden bin ich auf das Buch direkt durch Benjamin Spang (@Doppelmond) auf Twitter; durch seine recht häufige Werbung und seine sympathische Art wurde ich sofort eingeladen, mir die Inhalte näher anzuschauen. Da das Buch ziemlich gute Rezensionen erhalten hat und da ich an düsterer Fantasy interessiert bin, habe ich es mir gekauft und durchgelesen.

Nun, leider hat mich das Buch in vielerlei Hinsicht enttäuscht. Interessierte seien vorgewarnt, dass diese Rezension Spoiler enthält; das Fazit hingegen ist spoilerfrei. Lesen auf eigene Gefahr.

Klappentext:

Im Lande Nuun herrscht seit Jahrhunderten ein blutiger Krieg. Die Menschheit stellt sich mit all ihrer Dampfkraft gegen das mystische Volk der Werwölfe im Norden und das der Vampire im Westen.

Die junge Mechanikerin Katrina lebt mit ihrer Familie im Grenzgebiet. Als der Vater spurlos verschwindet, ertränkt die Mutter ihre Sorgen in Alkohol. Katrina flieht zu ihrem Onkel in die Stadt, muss aber kurz darauf die schützenden Mauern verlassen, um ihre Mutter vor einem tödlichen Fehler zu bewahren, der großen Einfluss auf den Ausgang des Krieges haben könnte.

Auf ihrer abenteuerlichen Reise stellt Katrina fest, dass neben den Werwölfen auch ein Blutmagier der Vampire gezielt nach ihr sucht. Was ist gerade an ihr so besonders?

Plot & Charaktere

Die ersten paar Kapitel begannen ziemlich gut. Sie waren sehr lebendig und unterhaltsam zu lesen: Katrina wirkte dort wie eine abenteuerlustige Person, die sich mit ihren Mitarbeitern anfreundete und im Geheimen ihre inneren Probleme bekämpfte. Doch ab den kurzen Szenen mit Theobald (darauf komme ich später zurück), gerät die Struktur des Plots ins Wanken. Sie flieht vor ihrer Mutter, dann will sie zurück, dann bruchlandet sie im Wald, dann gibt’s ‘nen Angriff in der Stadt, dann gibt’s Krieg, um ihre Mutter zu retten. Der Plot im Mittelteil folgte für mich keinem roten Strang und schien immer einen Kampf hineinzuwerfen, sobald ein Konflikt benötigt wurde. Generell schienen sich die meisten Konflikte auf das pure Überleben zu belaufen, während die anderen eine unzufriedene Auflösung besaßen. Die Geschichte gerät erst nach 2/3 des Buches ins Rollen, als wir erfahren, warum es überhaupt dazu kommt, dass jeder Katrina haben will.

Zu Beginn der Story gefiel mir das Verhältnis zwischen Mutter und Tochter. Die Szenen, wo die Mutter sie in den Arm nimmt und trotzdem ihre boshafte Dominanz ausübt, hat der Beziehung Komplexität verliehen, die den persönlichen Stress von Katrina sehr glaubhaft machte. Auch die selbstverletzenden Verhaltensweisen wurden sehr gut beschrieben und gaben mir einen guten Einblick in Katrinas Kopf. Als sie floh, habe ich mich gefreut, dass sie dieser Beziehung einen Schussstrich setzt, da sie offensichtlich ungesund ist.

Leider hat sich der Konflikt mit ihrer Mutter schon bald in mehr verwandelt. Auf einmal wollte sich ihre Mutter in einen Vampir verwandeln, um dem Verlust zu entkommen und schickt Katrina eine Nachricht, um ihr Vorhaben kundzutun. Wieso tut sie das? Wäre es nicht einfacher, ihre Tochter zu finden, da sie weiß, wo sie wohnt? Will sie die Aufmerksamkeit ihrer Tochter erzwingen, indem sie von ihrem Pseudo-Selbstmord schreibt? Möchte sie der Tochter Schuldgefühle verursachen? Die ohnehin sehr unsympathische Mutter wird hier noch unsympathischer. Trotzdem wird ihr am Ende mit einer einfachen Entschuldigung vergeben? Dadurch, dass Katrina ihrer Mutter helfen wollte, obwohl diese in dem Buch keine positiven Eigenschaften zeigt, musste ihr Charakter stark einbüßen. Gegen Ende scheint ihr Konflikt total aufgelöst zu sein, weil ihre Mutter die plötzliche Eingebung hatte, dass sie etwas Schlechtes tat. Das Buch zeigt im Klappentext und als ein Thema den Aspekt der Familienverbundenheit, doch er kam überhaupt nicht zu Geltung. Das Konzept der Familie wird bei ihrer Mutter nicht als eine Verbundenheit durch Vertrauen dargestellt, sondern eher als eine Verbundenheit durch Blut und DNA. Dadurch wirkt Katrina weniger wie jemand, der eine glückliche Familie haben möchte, sondern wie ein geprügelter Hund, der zurück zu seinem Herrchen will.

Dies ist nicht das einzige, das ihrem Charakter schadet. Zu Beginn lernen wir einen Mitarbeiter namens Theobald kennen, der Katrina deutlich zeigt, dass er ihr vertraut und dass er romantisches Interesse an ihr hat (und sie scheint ähnliche Gefühle zu hegen). Als er ihr dann ein Geheimnis zeigt (nämlich, dass er ein Werwolf ist), fängt Katrina an zu schreien und bringt ihn mit einer Mistgabel um. Wieso sie das getan hatte, bleibt offen, aber später, als sie von Werwölfen gefangen genommen wird, reagiert sie unglaublich ruhig und ist schnell dabei, die Wölfe als Mitstreiter zu akzeptieren. Sie wirkt dadurch nicht nur wie ein inkonsistenter Charakter, sondern macht sich mit einer kaltblütigen Ermordung nicht beliebt, vor allem weil sie im gesamten Buch keine Reue zeigt. Ich bin mir nicht sicher, was diese Szene bezwecken sollte, denn im Folgenden habe ich jegliche Sympathie für sie verloren. Selbst ihre selbstverletzenden „Tendenzen“ taten mir wenig Leid (wobei die gut beschrieben wurden) und ihre Zimperlichkeit, in der Wildnis Gegner zu töten, schien sehr fehl am Platz.

Die anderen Charaktere waren für mich nicht wirklich ausgearbeitet, viele ihrer Persönlichkeiten beliefen sich (wenn überhaupt) auf eine Charaktereigenschaft. Helena hat es mir besonders schwer getan, weil sie als ein wichtiger Charakter vorgestellt wurde, aber nur gezeigt hat, wie gut sie im Kämpfen ist. Eine emotionale Bindung zu ihr war mir unmöglich, da sie genauso wenige Emotionen gezeigt hat. Sie zeigte nicht einmal Trauer oder Wut, als ihr Luftschiff abgestürzt, ihre ganze Crew gestorben und sie mitten im Nirgendwo gestrandet ist. Hingegen behielt sie immer die Ruhe, sogar als sie hilflos mit ansehen musste, wie einer ihrer Arbeiter von Raubkatzen ermordet wurde. Bei ihr fehlte mir die innere Arbeit; Anzeichen, dass sie über mehr nachdenkt, als nur die Vernichtung der Schattenkreaturen. Ihre zwei Gefolgsleute, Caspari und Balduin, hatten hingegen sogar so wenig Einfluss auf den Plot, dass ich mir nicht mal ihre Namen merken konnte. Und obwohl Darec als Antagonist des Buches eigentlich viel Einfluss haben sollte, taucht er zu selten auf, tut zu wenig und stellt für Katrina nie eine wirkliche Bedrohung dar. Die einzige Person, der ich was Positives zusprechen konnte, war Lisunki, die als Charakter wirklich lebendig erschien. Die Szene, wie sie sich von ihren Kindern verabschiedet, gab ihr unter all der Kampffixierung eine glaubhafte, emotionale Facette, die den anderen Charakteren fehlte.

Mir gefiel die Idee, dass ausgerechnet ein Charakter, dessen Blut Wesen töten kann, sich freiwillig verletzt und in dem Sinne mochte ich auch die Art und Weise, wie Katrina den Antagonisten besiegte. Trotzdem beginnt man sich im ganzen Krieg nur zu wundern, wie sie es schafft, nicht zu verbluten, wenn sie mehrere Bogenschützen mit „Munition“ versorgt. Das Verbluten kam jedoch erst, als sie sich ihre Adern komplett durchgeschnitten hatte, etwas, von dem ich nicht sicher bin, wieso sie das tat. Ihr Blut hat sowieso verhindert, dass sie von den Vampiren angegriffen wird, wieso also war es notwendig, sich selbst umzubringen? Auch die Tatsache, dass sie durch eine noch nie zuvor erwähnte Magie gerettet wird, kam aus dem Nichts und war sehr unzufriedenstellend. Dass sie dadurch von einem Werwolf in einen Vampir verwandelt wurde, obwohl ihr Blut Vampire tötet, hat dann einfach drei Ebenen von Verwirrung verursacht, die nicht behoben wurden.

Ich möchte hier auch erwähnen, dass ich mich stellenweise über Plotholes gewundert habe, bzw. Sachen, die einer Erklärung bedurften. Die Wichtigsten wären, wie die Vampire von Katrinas Blut erfahren, wenn noch nicht einmal die Menschen das wissen, wie die Werwölfe darauf kamen, das Blut des Vaters zu untersuchen und wieso jeder annahm, dass ihre Mutter dieselbe Fähigkeit mit dem Blut hat, obwohl Katrina es von ihrem Vater geerbt hat. Auch über das Verhalten der Laborangestellten habe ich mich als Wissenschaftler seeehr gewundert… Sie kriegen mit, dass sich jemand im Labor einschließt, hören Schreie und sehen über Monate keine Resultate des Angestellten? So etwas ist nicht nur offensichtlich gemeingefährlich und wird kontrolliert, sondern wird von keinem Chef freiwillig finanziert.

Schreibstil und Technik

Der Schreibstil folgt demselben Trend wie die anderen Kritikpunkte: Zu Anfang war er sehr stabil und überdurchschnittlich. Er war sehr flüssig zu lesen und hat mich bei der Arbeit am Luftschiff und bei der Ermordung von Theobald ziemlich gepackt. Die Überdurchschnittlichkeit blieb relativ lange, die ersten Probleme mit dem Pacing hatte ich erst in den Kampfszenen im Wald, wo es stark anfing zu stocken. Für Kampfszenen waren die Sätze viel zu lang und gingen zu sehr ins Detail, wer wo steht und wer auf wem schießt; dadurch wirkte alles sehr statisch und träge. Dies hat sich durch das ganze Buch gezogen; jedes Mal, wenn ich einer Kampfszene begegnet bin, habe ich eine Pause eingelegt, weil sie mich anstrengten. Dass ich mich nicht an die Charaktere binden konnte, hat dem Spannungsaufbau ebenfalls wehgetan.

Außerhalb der Kampfszenen war der Schreibstil ziemlich stabil, kam jedoch nicht an die Qualität des Anfangs an. Es wirkt fast so, als ob der Anfang getrennt von dem Rest des Buches geschrieben wurde.

Ein sehr großer Punkt meiner Frustration waren Szenen, die unabsichtlich fürs Padding gebraucht waren. 2 Kapitel zu Anfang spielen aus Helenas Sicht, 2 andere aus Darecs. In allen 4 Szenen passieren Sachen, die sich nicht auf den Rest des Plots auswirken! Die Funktion der Szenen scheint eher zu sein, die Charaktere vorzustellen, doch dies geschieht viel besser, sobald sie wirklich auf Katrina treffen. Wenn man diese 4 Kapitel streichen würde, würde es dem Plot nicht schaden, deswegen ist deren Existenz überflüssig und verschwendet nur meine Geduld. Ähnlich unnötig ist die Szene aus der POV des Priesters. Die einzige Handlung ist es, Helenas Verbündete zu suchen, also sucht er sie, findet sie und bringt sie ohne Probleme zurück, wo sie sich dann nochmal vorstellen. Wieder stellt sich mir die Frage: Warum war das notwendig? Wieso nicht einfach bei Katrina bleiben, bis sie wiederkommen?

Die schlimmste Art von Padding fand in den letzteren Kapiteln statt, sobald Katrina bei den Werwölfen erwacht. Über mehrere Kapitel fragt sie, warum sie gefangen ist und wird immer darauf verwiesen „Geduld zu haben“ und selbst nachdem sie über ihre Besonderheit erfährt und dem Angriff auf die Vampire zustimmt, braucht es mehrere Kapitel, bis es dazu kommt. All das hätte stark verkürzt werden können, um nicht den Plot aufzuhalten. Stattdessen hätten viele Szenen dafür verwendet werden können, die Kultur der Werwölfe zu ergründen und Charakterentwicklungen aufzubauen (die Beziehung zwischen Lisunki und Katrina könnte hier näher beleuchtet werden).

Setting & Anderes

Etwas, was mir ein kleiner Dorn im Auge war, ist die Tatsache, dass ein Großteil des Worldbuildings außerhalb des Buches geschah. Wie die Welt durch zwei Monde erhellt werden kann oder wie sie generell einen Tag/Nacht-Rhythmus aufrechterhält, war mir beim Lesen unklar; auf der offiziellen Website hingegen war diese Information zu finden. Auch habe ich erst auf der Website erfahren, dass das Buch dem Steampunk zugeordnet wird, obwohl ich diese Atmosphäre beim Lesen nicht bezeugen konnte.

Eine Kleinigkeit, die mich gestört hat, die sich jedoch nicht auf den Inhalt des Geschriebenen bezieht, sind die Illustrationen im Buch. In gewissen Kapiteln befinden sich Bilder von Gegenständen, die in der jeweiligen Szene vorkommen. meist ist es so etwas Banales wie ein Stück Holz mit zwei Reifen oder eine Suppe. Diese Illustrationen stören beim Lesen. Oft schlug ich eine Seite um, hab mir das Bild angeschaut, mich gefragt, wieso es da ist, (ein Bild von einer Suppe ist nicht wirklich besonders), dann den Satz aus der vorherigen Seite vergessen und musste wieder in den Lesefluss kommen. Die Bilder waren deplatziert und sollten erst vorkommen, sobald es den Lesefluss nicht mehr stört (z.B. am Ende eines Kapitels). Außerdem wünschte ich mir Illustrationen, die der Vorstellungskraft halfen (wie zum Beispiel die Katze mit der Gehhilfe). Interessanterweise befinden sich solche Illustrationen auf der offiziellen Website… sogar eine Karte ist vorhanden! Wieso diese nicht integriert wurden, ist verwirrend.

Fazit

Blut gegen Blut ist ein Buch mit sehr viel verschenktem Potential. Die Charaktere haben es mir schwer gemacht, sie zu mögen, die Kampfszenen haben mich gelangweilt und dem Plot mangelt es an einem roten Faden und Nachvollziehbarkeit. Viele Szenen ziehen sich zu lange, ohne die nötige Unterhaltung zu bieten und wenige Szenen beleuchten Konflikte, die sich nicht aufs „Überleben“ fixieren. Der Beginn sticht als positiver Kontrast hervor und ich habe mir oft gewünscht, dass die folgenden Kapitel zu diesem Standard zurückkehren, da ich dort die Konflikte und die Charaktere gemocht hatte. Im Endeffekt ließ mich das Buch nur sehr frustriert und unbefriedigt zurück.

In Hinblick auf die genannten Kritikpunkte für Charaktere, Plot und Stil, sowie meinem eigenen Vergnügen beim Lesen, vergebe ich eine Gesamtwertung von 3/10 Punkten.

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